Rede zum 08.März 2026

Heute stehen wir hier am 8. März – kämpferisch, wütend, solidarisch.
Wir stehen für einen mutigen, antifaschistischen, universellen, internationalistischen, migrantischen, antiableistischen, antikapitalistischen, antiklassistischen, intersektionalen, queeren, trans*inklusiven und antisexistischen Feminismus!
Unser Motto lautet: Feminismus heißt Widerstand.
Wir kämpfen, wir streiken, wir leben!

Wir kämpfen – gegen patriarchale Gewalt, gegen Unterdrückung, gegen Faschismus.
Wir streiken – gegen ein System, das von unserer unbezahlten und schlecht bezahlten Arbeit lebt.
Und wir leben – sichtbar, widerständig, solidarisch.

Auch 2026 spitzen sich Krisen allerorts zu – die Klimakatastrophe ist nicht mehr zu leugnen, patriarchaler Größenwahn und imperialistische Fantasien werden mit Militär und Geheimdiensten durchgesetzt, FLINTA* (Frauen, Lesben, Inter, nichtbinäre, trans* und agender Personen) werden Opfer von Vertreibung und systematischer sexualisierter Gewalt im Kontext von Krieg, religiösem Fanatismus und Terrorismus. Soziale Kälte macht sich breit, Armut wird nicht mehr bekämpft, arme Menschen werden verächtlicht gemacht, Frauen und queere Menschen werden angegriffen und getötet, weil sie Frauen und oder queer sind.

Wir leben in einer Zeit, in der Krieg und Faschismus weltweit erstarken. Und dennoch wehren sich vielerorts FLINTA* gegen ihre Unterdrücker, gegen autoritäre Machthaber, gegen religiöse Zwangsgesetze, gegen Ausbeutung und Angriffe auf ihr Leben und ihre Freiheit. U.a. in Syrien, Rojava, im Iran, in Lateinamerika, aber auch hier in Europa!
Wir wissen: Unsere Kämpfe sind verbunden. Patriarchale Herrschaft muss überall benannt und bekämpft werden, wir sehen das Leid von Frauen und Queers und wollen es überall beendet sehen, wir wollen Freiheit und Emanzipation – von Teheran bis Rojava, von Kiew über Khartum, von Gaza bis nach Kassel.

Mit Angst und mit Hoffnung richtet sich unser Blick beispielsweise nach Iran.
Die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit/Jin, Jiyan, Azadî“ hat der Welt gezeigt, dass sich Mut nicht unterdrücken lässt.
Im Iran riskieren Frauen täglich ihr Leben für Freiheit und Selbstbestimmung. Gemeinsam mit queeren Menschen widersetzen sie sich einem repressiven Machtapparat, der mit Gewalt herrscht und versucht, über ihre Körper, ihre Stimmen und ihr Leben zu bestimmen. Denn Unterdrückung beginnt immer dort, wo die Selbstbestimmung von Frauen und queeren Personen angegriffen wird. Genau darauf zielen autoritäre Systeme ab: Freiheit einzuschränken, Menschen zum Schweigen zu bringen und Widerstand zu brechen.

Frauen und queeren Personen stehen im Zentrum des Aufbruchs. Sie kämpfen für Würde, für Freiheit und für das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben — und sind zur treibenden Kraft einer breiten gesellschaftlichen Bewegung geworden, die Unterdrückung nicht länger akzeptiert und echte Freiheit fordert. Ihr Ruf ist unüberhörbar. Frau, Leben, Freiheit/Jin, Jiyan, Azadî! Er überschreitet Grenzen, verbindet Kämpfe und erinnert daran, dass der Einsatz für die Freiheit der Frauen und queeren Personen immer auch ein Einsatz für die Freiheit aller Menschen ist.

Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Iran ist es notwendig, deutlich zu machen: militärische und völkerrechtswidrige Interventionen der USA haben in der Vergangenheit keine progressiven Veränderungen nach sich gezogen – oftmals im Gegenteil, weil die Bevölkerung allein gelassen wurde. Solche Eingriffe bringen keine Freiheit. Zwar sind wichtige Teile der iranischen Machthaber, die aufs brutalste gegen die Bevölkerung vorgegangen sind, tot und viele Menschen im Iran sind froh, dass diese Schlächter nicht
weitermachen können. Doch diese Intervention wird mit Sicherheit bestehende Konflikte verschärfen und eine gefährliche Eskalation vorantreiben, ohne dass es eine glaubhafte Perspektive für einen demokratischen Machtwechsel gibt. Aktuell bedeutet die Intervention mehr tote Zivilist:innen und eine Dynamik der Gewalt, in die weitere Länder vom Iran ausgehend hineingezogen werden.

Gerade jetzt, nach den Militärschlägen Israels und den USA gegen die iranischen Machthaber und die Bomben des Iran gegen viele Länder der Region, muss sich die internationale Aufmerksamkeit auch auf das richten, was im Inneren des Landes geschieht. Tausende Menschen sitzen aus politischen Gründen in iranischen Gefängnissen. Viele von ihnen sind akuter Folter, massiver Repression oder der Hinrichtung ausgesetzt. Während internationale Machtspiele betrieben werden, geraten jene in Lebensgefahr, die tatsächlich für Freiheit und demokratische Veränderung kämpfen. Unsere Verantwortung besteht darin, ihre Namen sichtbar zu machen, ihre Freilassung zu fordern und zivilgesellschaftlichen sowie oppositionellen Kräften den politischen Raum zu sichern, den sie für ihre Arbeit benötigen.

Die Zukunft des Iran wird durch die Menschen entschieden, die dort für ihre Rechte eintreten. Denn wirkliche Veränderung entsteht nicht in militärischen Kommandozentralen. Militärische
Interventionen wie auch in Venezuela 2026, Rojava und in zu vielen Teilen der Welt, folgen
selten humanitären Prinzipien; sie sind Ausdruck geopolitischer Interessen, strategischer Machtkalküle und ökonomischer Zielsetzungen.

Gesellschaftlicher Wandel entsteht aus der Gesellschaft selbst — durch Widerstand, Organisierung und kollektiven Mut, auf den Straßen, in den Universitäten, in Betrieben und in den sozialen Bewegungen.

In Syrien und Rojava kämpfen Frauen und Queers seit Jahren. Sie verteidigen sich gegen Angriffe von Islamisten, gegen Angriffe der türkischen Regierung und sind auch nach dem Sturz des Assad-Regimes längst nicht sicher vor der neuen syrischen Regierung. Sie leben in einem Kriegszustand, organisieren sich, halten den Kampf für ein emanzipatorisches Gesellschaftsprojekt aufrecht. Auch Jesid:innen in der Region bleiben marginalisiert, verfolgt und kämpfen weiterhin damit, in großen Zahlen Opfer sexualisierter Gewalt geworden zu sein und zu werden. Täter des Genozids von 2014 sind kürzlich in großer Zahl der Haft entkommen – der Schrecken nimmt kein Ende. Sie teilen diese schrecklichen Erfahrungen mit den Opfern des Massakers und der Geiselnahme durch die Hamas am 07.10.2023. Israelische Frauen und Queers wurden im Zuge des Angriffs vergewaltigt und gefoltert. Viele glauben ihnen bis heute nicht.

Frauen und Queers wissen: Krieg bedeutet nicht nur Frontlinien. Krieg bedeutet auch sexualisierte Gewalt als Waffe. Krieg bedeutet auch Menschenhandel und erzwungene Prostitution – wie beispielsweise die Initiative Save Nujin auch hier in Kassel immer wieder sichtbar macht. Die Friedensstatue Nujin steht als Mahnmal für die sexualisierte Gewalt während des Asien-Pazifik-Krieges. Die sogenannten Trostfrauen, wurden durch das japanische Militär entführt und zwangsprostituiert.

Die Geschichte von sexualisierter Gewalt in kriegerischen Konflikten wiederholt sich leider immer wieder. Systemische, sexualisierte Gewalt ist kein „Einzelfall“. Sie ist Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse, die im Krieg eskalieren – aber im Frieden nie verschwinden.

Die Folgen von Krieg heißen Flucht und Migration. Und wir müssen klar sagen: Flucht ist kein „individuelles Schicksal“, sondern eine politische Konsequenz von Gewalt, Extraktivismus und globaler Ungleichheit. Besonders für FLINTA*-Personen sind Fluchtwege gefährlich. Sie sind sexualisierter Gewalt, Ausbeutung und Entrechtung in besonderem Maße ausgesetzt.

Und auch hier in Deutschland setzen sich Unsicherheiten fort. Migrant*innen befinden sich oft in besonders prekären Situationen – ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, ohne Schutz, ohne ausreichende Unterstützung. Wir sprechen zu selten darüber, was es bedeutet, vom Ehemann abhängig zu sein, weil das eigene Visum am Familiennachzug hängt. Wir sprechen zu selten darüber, was es heißt, Gewalt in einer Beziehung zu erleben – und gleichzeitig Angst vor Abschiebung zu haben. Das ist institutionalisierte Abhängigkeit und Unsicherheit.

Währenddessen soll Deutschland „kriegstüchtig“ werden. Doch was heißt das konkret? Es heißt Aufrüstung statt Fürsorge. Es heißt Abbau des Sozialstaats, Sparen bei Bildung, Kürzungen beim Klimaschutz. Es heißt keine ausreichende Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen. Es heißt Krankenhausreformen, die Profit vor Menschen stellen. Es heißt steigende Krankenkassenbeiträge.
Das Gesundheitssystem ist dabei auf weiße endo cis Männer ausgerichtet. Diagnostik und Behandlung ignorieren die Lebensrealitäten von FLINTA*-Personen. Beschwerden von FLINTA* werden viel zu oft nicht ernst genommen. Schwangerschaftsabbrüche sind weiterhin kein selbstverständlicher Teil der Gesundheitsversorgung, und auch im Jahr 2026 in Deutschland immer noch im Strafgesetzbuch geregelt. Weiterhin erleben Gebärende noch viel zu häufig Übergriffe und Gewalt während sie ihre Kinder zur Welt bringen. Von reproduktiver Gerechtigkeit und gender-affirming care für alle sind wir noch weit entfernt. (Nicht nur!!) In Kriegsgebieten, sondern auch in konservativen, und (prä-)faschistischen Staaten ist Gesundheitsversorgung für queere und trans* Personen oft lebensgefährlich eingeschränkt. Queerness wird stigmatisiert, kriminalisiert, ausgelöscht.

Und während hier gespart wird, werden globale Pflegeketten („care chains“) ausgebaut. Migrantinnen* übernehmen Care-Arbeit – oft unter prekären Bedingungen – und hinterlassen in ihren Herkunftsländern Versorgungslücken. Auch das ist eine Folge globaler Ungleichheit. Auch das ist ein feministisches Thema. Migration ist Ausdruck von politischen, ökonomischen und ökologischen Verhältnissen.
Von diesen Verhältnissen profitieren vorallem einige wenige Superreiche – überwiegend weiße cis Männer –, die an Aufrüstung, Extraktivismus und Ausbeutung verdienen. Ein Wirtschaftssystem, das auf Ressourcenraubbau und billiger (und teilweise gar nicht entlohnter) Arbeitskraft basiert, verbrennt unsere Lebensgrundlagen – und nennt das Fortschritt.

Unser Feminismus stellt sich dem entgegen.
Wir sagen: Kein Feminismus ohne Antikapitalismus.
Kein Feminismus ohne Antifaschismus.
Kein Feminismus ohne Antirassismus.
Kein Feminismus ohne die Kämpfe gegen Antisemitismus, Ableismus und Klassismus.
Kein Feminismus ohne die Perspektiven von Migrantinnen*.
Kein Feminismus ohne die Stimmen von queeren, trans*, inter* und nicht-binären Menschen.
Kein Feminismus ohne Intersektionalität.

Wir müssen uns zusammenschließen und politisch organisieren, um die Vereinzelung und die Konkurrenz, in die wir vom Patriarchat gesetzt werden, zu überwinden. Das Patriarchat schadet uns allen. Als Einzelpersonen werden wir daran scheitern, diese Systeme langfristig zu überwinden, aber zusammen sind wir stark!
Wir kämpfen für reproduktive Gerechtigkeit und ein Gesundheitssystem, das alle FLINTA* kompetent versorgen kann und Beschwerden ernst nimmt.
Wir kämpfen für gerechte Entlohnung gerade auch von Care-Arbeit.
Wir kämpfen für gerecht geteilte reproduktive Arbeit.
Wir kämpfen für gute Betreuungsangebote für Kinder, Menschen mit Behinderungen und Senior*innen
Wir kämpfen für Bildung, die stärkt und jegliche Gewaltverhältnisse problematisiert.
Wir kämpfen für sichere und würdige Migration.
Wir kämpfen gegen Feminizide und alle Formen patriarchaler Gewalt – überall.
Und wir kämpfen für eine andere Zukunft.
Eine Zukunft mit Solidarität statt Spaltung.
Empathie statt Konkurrenz.
Ein Wirtschaftssystem, das sich an Bedürfnissen orientiert – nicht an Profit und Ausbeutung.
Ein Miteinander, das auf Gemeinschaft basiert – nicht auf patriarchalen und heteronormativen Vorstellungen.
Wir wissen: Unsere Kämpfe sind verbunden – von Teheran bis Rojava, von Kiew über Khartum bis Kassel. Feministische Solidarität darf nicht an Grenzen enden.
Unser Feminismus ist international.
Er ist unbequem.
Er ist laut.
Und er bleibt.
Denn wir geben uns nicht mit weniger zufrieden als mit einem guten Leben für alle.
Wir kämpfen, wir streiken, wir leben.